Gottes Geist

Wozu eigentlich noch Pfingsten?

Heute feiert die weltweite Christenheit den «Sonntag des Heiligen Geistes»: Pfingsten. Das aus dem Griechischen stammende Wort leitet sich ab von «Pentekoste», auf Deutsch 50. Seit dem 4. Jahrhundert wird Pfingsten sieben Wochen nach Ostern – der Auferstehung Jesu – begangen. 

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Was geschah damals? Pfingsten kam der Heilige Geist über etwa 120 Nachfolger Jesu, was der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte (Kapitel 2, Verse 1–18) spannend beschrieben hat:  «Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sassen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.»
Wer Gottesdienste an Pfingsten besucht, wird dort vermutlich nur wenige begeisterte Gesichter sehen. Vor 2‘000 Jahren ging dagegen, wie man in der jüngeren Generation sagt, «die Post ab». Manche Christen mögen sich fragen: Warum passiert das eigentlich heute nicht? Warum geschieht es nicht wenigstens einmal in meiner Gemeinde? Ein verständlicher Wunsch!

Das schwierigste Fest der Christenheit?

Nach Umfragen können die Bürger mit keinem kirchlichen Fest so wenig anfangen wie mit Pfingsten, obwohl es sich immerhin um den Geburts-Tag aller Kirchen handelt. Die Geburt Jesu – also Weihnachten - zu verstehen, erscheint nicht als Problem. Karfreitag – da denken schon viele: Es ist zwar schade, dass es so endete, aber das ist ja bekannt. Ostern, da wird es schon viel problematischer, denn ausser Jesus ist eben keiner auferstanden. Himmelfahrt, das läuft in den Medien nur noch als «Vatertag». Wenn überhaupt, können das Fest viele nur noch nach dem Motto verstehen «Wo sollte Jesus denn anders hin als in den Himmel?». Aber Pfingsten, das gilt auch unter Christen als ein schwieriges Fest.

Pfingsten und die Pfingst-Bewegung

Pfingsten ist in der Kirchengeschichte nie gross begangen worden. Das änderte sich erst etwas, als vor mehr als 100 Jahren Pfingsten durch eine Bewegung an Bedeutung gewann, die den Namen des Festes als ihr Charakteristikum übernahm: Die Pfingstbewegung.

1906 gab es in Los Angeles eine mehr als drei Jahre anhaltende Erweckung. Sie gilt als Beginn der Pfingstbewegung: Menschen werden ergriffen, aussergewöhnliche Heilungen geschehen, verbunden mit Prophetien und Zungenreden. Heute ist die Pfingst- und die ihr verwandte, in den 60er Jahren entstandene charismatische Bewegung nach der katholischen Kirche die zahlenmässig stärkste christliche Konfession. Zu ihr zählen sich über 600 Millionen Menschen.

Die dreigeteilt betende Christenheit

Aber trotz des Aufkommens der Pfingstbewegung wird zumindest im deutschsprachigen Raum das Thema Heiliger Geist meist gemieden. Man kann geradezu die Christenheit so einteilen: Die Liberalen betonen meist Gott, den Vater und den Schöpfer. Für die Pietisten gibt es eigentlich nur Jesus. Viele verstehen gar nicht, warum man da eigentlich noch den Heiligen Geist braucht. Für die Charismatiker und Pfingstler schliesslich ist der Heilige Geist die entscheidende Kraft.

Zu wem beten wir eigentlich?

Entsprechend beten liberale Christen mehr zu Gott, dem Vater, Pietisten zu Jesus und Charismatiker oft zum Heiligen Geist. Nach christlichem Verständnis dürfen freilich alle drei Personen Gottes angebetet werden – gehören sie doch zusammen. - Wobei im Neuen Testament von niemandem berichtet wird, der zum Heiligen Geist gebetet hat. Der Normalfall nach Johannesevangelium, Kapitel 16, Verse13–14 ist, dass der Heilige Geist Anbetung bewirkt.

Den drei göttlichen Personen ist das Dreifaltigkeitsfest (oder Trinitatis) gewidmet. So wird im Kirchenjahr das Fest am Sonntag nach Pfingsten genannt: Dank des Vaters gibt es den Sohn, dank des Sohnes haben wir Zugang zum Vater und dank des Heiligen Geistes sind Vater und Sohn unter uns gegenwärtig. Denn seit seiner Himmelfahrt sitzt der Sohn zur Rechten des Vaters.

Wir bekennen entsprechend dem in allen Kirchen gemeinsamen Apostolischem Glaubensbekenntnis: «Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.» Alle seine Verheissungen wie «Ich bin bei euch alle Tage …» (Matthäusevangelium, Kapitel 28, Vers 20)  erfüllt Jesus durch den Heiligen Geist.

Die alte Kirche hat den einzelnen Personen der Trinität verschiedene Werke zugeordnet: Dem Vater die Schöpfung, dem Sohn die Erlösung und dem Heiligen Geist die Heiligung bzw. die Neuschöpfung. Da für uns als Christen alle drei Werke wichtig sind und zusammengehören, wird gleich zu Beginn eines Gottesdienstes erklärt: Er finde statt «im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes».

Christen beten deshalb nicht zu drei Göttern, wie es uns Muslime kritisch vorhalten, sondern immer nur zu dem einen Gott, der sich aber entfaltet in Vater, Sohn und Heiligem Geist. Wenn von Gott zu Beginn der Bibel geschrieben steht: «Lasst uns Menschen nach unserem Bild machen» (Die Bibel, 1. Mose, Kapitel 1, Vers 26), dann waren eben Vater, Sohn und Heiliger Geist an der Schöpfung beteiligt.

Wie ist die Trinität erklärbar?

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Wie furchtbar kompliziert! So denken auch manche Christen. Geht es nicht einfacher? Leider nein! Man kann die Trinität freilich nur in Bildern anschaulich machen, die natürlich alle auch etwas hinken. Im Folgenden dieser Versuch, den ich einmal in einer Predigt las: Die meisten von uns essen gerne eine Orange. Schon beim Schälen verströmt sie einen Duft, der uns das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Wo Duft ist, da ist Schale. Und wo Schale ist, da ist Fruchtfleisch. Apfelsine – das ist die Einheit von Schale, Duft und Fruchtfleisch. Nur alle drei machen die Apfelsine aus. Aber jedes Element hat eine andere Funktion.

Warum ist die Trinität überhaupt wichtig?

Warum ist die Trinität wichtig? Dazu ein Beispiel: Es gibt Katastrophen, für die Menschen nichts können – wie das Erdbeben samt Flut am 11. März 2011 in Japan. Wenn Gott nun allmächtig ist (und das ist er), dann hat er eine solche Katastrophe zumindest nicht verhindert. Wir erleben dann eine Seite unseres Gottes, die viele gern verdrängen (oder nicht wahrhaben wollen): Gott kann auch völlig unbegreiflich sein, so dass wir uns geradezu ohnmächtig fühlen vor Hilflosigkeit. Da können wir uns dann nur zu Gott, dem Sohn, retten, der uns seine ganze Liebe bis in den Tod hinein gezeigt hat. Und da kann man nur Trost erhalten bei Gott, dem Heiligen Geist, der uns als Beistand – in der Lutherübersetzung auch «Tröster» genannt – gesandt ist (Johannesevangelium, Kapitel 14, Vers 26).

Wie erhalte ich den Heiligen Geist?

Laut Neuem Testament hat jeder Christ den Heiligen Geist in sich. Und wie erhalte ich ihn? In der Apostelgeschichte heisst es: «Tut Busse und lasst euch taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden. So werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen» (Apostelgeschichte, Kapitel 2, Vers 38). Wenn ein Mensch eine Lebenswende vollzieht, sich also abkehrt von einem gottlosen Leben und hinwendet zu Christus, empfängt er den Heiligen Geist (Römerbrief, Kapitel 8, Vers 9). Es bedarf hier keiner spektakulären Aktion. Christen sollten sich deshalb nicht selbstquälerisch die Frage stellen: Habe ich nun den Heiligen Geist oder nicht? Wenn ich mich zu Jesus Christus bekehrt habe, habe ich ihn!

Was passiert durch den Heiligen Geist?

Durch ihn erhalte ich eine neue Identität. Ich bin jetzt nicht mehr nur wie alle Menschen ein Geschöpf Gottes, sondern ein Kind Gottes. Im Neuen Testament wird das als Wiedergeburt  bezeichnet (Galater, Kapitel 3, Vers 2; Galater, Kapitel 3, Vers 14; Epheser, Kapitel 1, Vers 13). Jesus sagt seinen Jüngern: «Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein» (Apostelgeschichte, Kapitel 1, Vers 8).

Der Heilige Geist bewirkt also Mitarbeiter in unseren Gemeinden. Denn als Christen sind wir Zeugen dafür, dass Gott existiert. Da ist übrigens mit keinem Wort von zuvor notwendiger theologischer Ausbildung die Rede. Es heisst schlicht: «Ihr werdet sein». Auch von Erfolg wird da nicht gesprochen. Jesus sagt nicht: «Ihr werdet Christenmacher», sondern etwa so: «Werdet Zeugen, sprecht von mir! Der Heilige Geist kann dann etwas daraus machen.» Er ist es, der zum Glauben führt – nicht unsere Predigt, unser missionarisches Gespräch usw. Auch nicht unsere Gemeinde. Das ist erst einmal eine grosse Entlastung für uns.

Nach evangelistischen Veranstaltungen sagen Mitarbeiter oft enttäuscht: «Es ist niemand Christ geworden!» Das klingt wie eine Selbstanklage nach dem Motto «Was haben wir wohl falsch gemacht?». Vermutlich nichts. Denn niemand ist imstande zu bekennen «Jesus ist der Herr!» – ausser durch den Heiligen Geist (1. Korinther, Kapitel 12, Vers 3, Johannesevangelium, Kapitel 3, Vers 27).

Der Heilige Geist und die Bibel

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Es ist auch der Heilige Geist, der mir das Wort Gottes erklärt. Ohne den Heiligen Geist könnte ich zwar viel Wissen über die Bibel zusammentragen, aber ich würde oft nicht verstehen, was Gott mir damit sagen will. Manche Christen wundern sich, dass Nichtchristen einfach nicht erkennen wollen, dass sie Sünder sind, obwohl sie es ihnen doch manchmal massiv vorgehalten haben. Doch auch diese Erkenntnis muss jedem der Heilige Geist deutlich machen: Es gibt etwas, was mich von Gott trennt.

Die christliche Botschaft ist unbegreiflich

Christen denken oft ihre Botschaft sei doch so einleuchtend, dass sie eigentlich jeder schnell kapieren müsste. Doch das können wir nur deshalb sagen, weil wir schon mit Gott Erfahrungen gemacht haben. Tatsächlich aber ist unsere Botschaft für Heiden logisch nicht erklärbar. Wer kann schon begreifen, dass Gottes Sohn für unsere Schuld am Kreuz elendiglich sterben musste? Deshalb schreibt ja auch Paulus: «Das Wort vom Kreuz ist für Heiden eine Torheit» (1. Korinther 1,18). Das im Griechischen hier gebrauchte Wort kann auf Deutsch auch heissen: Einfältig oder dumm. Es klingt hart, aber es stimmt: Das, was wir vertreten, klingt für Nichtchristen einfältig oder dumm. Unsere Botschaft stösst deshalb oft auf Unverständnis, ja Ablehnung. Nur der Heilige Geist kann eben die Herzen unserer Mitmenschen für das Evangelium öffnen. Wir aber können sie dafür durch unsere Worte und unser ganzes Leben «erwärmen»!

Wenn 2 x 2 = 5 sein soll

Man könnte unsere Situation auch einmal so vergleichen: Eine riesige Menschenmenge läuft hinter einem Plakat her, auf dem steht «2 x 2 = 5». Ein Einziger steht ganz einsam mit einem Schild daneben, auf dem steht «2 x 2 = 4». Die Masse hält ihn für dumm. Wir wissen, dass er recht hat. Anders ausgedrückt: Wir wissen, dass Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Die anderen wissen es nicht. Deshalb müssen wir Gott bitten, dass sie es erkennen. Denn der Heilige Geist will, dass das Evangelium zu allen Menschen kommt. Wir sind nun dafür verantwortlich, dass möglichst viele das Evangelium hören können. Dem muss unser ganzer Einsatz gelten! Hier könnte unser Gebet so lauten: «Hilf uns, Heiliger Geist, dass wir deinem Wirken nicht im Wege stehen!»

Wie wird man «voll» des Heiligen Geistes?

Reicht nun für unsere Aufgaben als Christen der Heilige Geist, den wir bei unserer Entscheidung für Christus bekommen haben? Es scheint ja ein «Mehr» zu geben. Denn Paulus schreibt: «Lasst euch vom Geist erfüllen!» (Epheser, Kapitel 5, Vers 18). Wie aber werde ich denn noch mehr vom Geist erfüllt? Durch intensives Gebet! Das zeigen die Berichte der Apostelgeschichte. Und die Auswirkungen werden auch geschildert. Der zuvor feige Petrus stellt sich nach Gebet öffentlich auf den Marktplatz von Jerusalem und bezeugt seinen Glauben. Eine andere Möglichkeit ist, Busse zu tun, wovon die Offenbarung des Johannesevangelium (Kapitel 3, Vers 19) berichtet.

Eine Wirkung des Geistes

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Damit wir als Christen unseren Glauben bestmöglich leben können, will der Heilige Geist aus Einzelkämpfern eine Mannschaft – beispielsweise ein Mitarbeiterteam in einer Gemeinde – machen. Anders ausgedrückt: Gottes Geist kann aus einer Handvoll Schrauben und ein paar Brettern ein stabiles Regal machen. Bleibt es bei Schrauben und ein paar Brettern, liegt es manchmal daran, dass wir uns über einzelne Aspekte des Heiligen Geistes zerstreiten.

Gottes Geist brauche ich jeden Tag neu

Genügt es, wenn ich den Heiligen Geist einmal empfange? Die Antwort kann nur lauten: «Ich brauche nicht nur ein Erlebnis, wo ich mit Gottes Geist empfange, sondern viele, denn ich muss immer wieder neu erfüllt werden mit Gottes Geist.» Darum muss ich jeden Tag bitten. Deshalb lautet eines der ältesten Gebete der Christenheit: «Komm, Heiliger Geist, erfüll’ die Herzen deiner Gläubigen!»

Kann man den Heiligen Geist auch verlieren?

Kann man nun den Heiligen Geist auch verlieren? Viele Christen vertreten ja die Meinung: «Einmal gerettet – immer gerettet!» Zunächst: Jesus verheisst, dass niemand seine Leute aus seiner Hand reissen kann. Aber nur, wenn wir das auch wollen! Denn es gibt Gottes Kinder, die wollen nicht mehr Gottes Kinder sein. Und hier findet sich ja das harte Wort von der Lästerung gegen den Heiligen Geist, die nicht vergeben werden kann (Matthäusevangbelium, Kapitel 12, Verse 31–32). Es ist die Sünde, dass ich mich bewusst gegen Gott entscheide, obwohl ich ihn bereits erfahren habe. Nicht irgendein Versagen, keine Einzelsünde vermag uns also von Gott zu trennen, sondern nur ein Widerstand gegen Gott an sich!

Pfingsten gibt es Dynamit

Es gibt kein grösseres Geschenk als den Heiligen Geist. Er ist die «Kraft aus der Höhe», im Griechischen dynamis. Davon kommt auch das Wort Dynamit. Und ein kleines Quantum Dynamit kann Felsen sprengen. Je mehr wir uns in die Nähe Gottes begeben (Jakobus, Kapitel 4, Vers 8), desto mehr werden wir auch die Kraft aus der Höhe erleben. Und deshalb dürfen wir uns an Pfingsten in besonderer Weise freuen, weil wir wissen dürfen: Der Heilige Geist ist stärker als alle anderen Geister dieser Welt, die uns bedrängen – stärker als jeder Zeitgeist.

Bevor wir die Augen schliessen

Beginnen wir deshalb jeden Tag in unserem Leben als Christen im Vertrauen darauf, dass Gottes Geist unser Leben führt. Sagen wir ihm auch, dass wir uns das wünschen. Und danken wir vor dem Schlafengehen für jede konkrete Führung, die wir mit dem Geist Gottes erlebt haben. Manchmal kann es sogar gut sein, es aufzuschreiben. Das kann dann in Zeiten trösten, in denen man meint, der Heilige Geist habe einen verlassen.

Dossier zu Pfingsten

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