Eine Woche in Vietnam

Ein Fahrrad für Nguyen Thi Hop

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Ein Fahrrad für Nguyen Thi Hop. Sie verdient heute ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf der Kohle (für kleine Hausöfeli) und mit dem Reinigen einer Tankstelle.
Iris Muhl berichtet direkt aus Vietnam. Sie besucht mit einer Mitarbeiterin von World Vision verschiedene Projekte und sendet jeden Tag ihre Eindrücke exklusiv an Livenet.ch.

Nguyen Thi Hop wohnt in einem einfachen, aber sehr schön eingerichteten Haus. Sie hat frische Blumen aufgestellt. Ihr Sohn Ngo Quang Ly, 15, begrüsst uns ebenfalls und setzt sich an den Teetisch. Thi Hop hat mit dem Mikrokredit von World Vision ein Fahrrad für den Transport von Kohle und andere Güter gekauft. Vorher musste sie die Kohle von Hand schleppen oder ein Fahrrad für rund 10 000 Dong (50 Rappen) pro Tag mieten. Überhaupt war ihre Situation früher sehr schwierig.

Ihr Mann hat sich vor einigen Jahren von ihr getrennt, weil er getrunken und gespielt hat, andere Frauen bevorzugte. Irgendwann verliess er sie und sagte ihr, dass sie es nicht wert sei, mit ihm zusammen zu sein, weil sie wenig gebildet ist. Nun, denke ich, der Mann hat wohl einiges verdreht. Thi Hop ist deswegen sehr traurig, erzählt diese Geschichte auch unter Scham und Tränen. Tabea und ich sehen uns an. Dabei ist Thi Hop fleissig und scheint eine sehr intelligente Person zu sein. Seit sie das Fahrrad hat, verkauft sie täglich Kohle, putzt zusätzlich noch die Strasse bei einer Tankstelle und wäscht Hochzeitskleider für ein wenig Zusatzverdienst. So sichert sie sich und ihrem Sohn den Lebensunterhalt und Quang Ly`s Schulbildung. World Vision übernimmt die Hälfte des Schulgeldes.

Während dem Gespräch dringen von draussen Geräusche herein. Spielende Kinder, schimpfende Mütter und vietnamesische Musik. Ihr Sohn Quang Ly ist sehr gut erzogen, höflich und zuvorkommend. Er geht in den Nebenraum und holt sich eine Brille, die er aufsetzt. Jetzt sieht er aus wie ein Student. Er erzählt, dass er ein Arzt werden möchte. Es sei ihm ein Anliegen, Menschen zu helfen. Seine Mutter bedankt sich in einer langen Rede für die Unterstützung, die ihr vom Hilfswerk zuteil geworden und mit der Zahlung der Hälfte der Schulkosten immer noch wird. Diese Frau hat aus ihren 50 Franken Mikrokredit eine Menge gemacht. Tabea meint, dass sie sogar das Haus frisch gestrichen habe und sich sehr einfach aber schön einrichten konnte.

Im lila Raum steht ein alter Teetisch, ein altes Siedboard aus den 50iger Jahren und es hängt sogar ein Bild an der Wand. Wir sitzen auf einem Teppich. Alles ist sehr sauber. Thi Hop ist eine schöne Frau. Sie ruht in sich und strahlt Dankbarkeit aus. Es macht uns etwas zu schaffen, dass diese Frau sich verantwortlich fühlt für die Trennung von ihrem Mann. Ich sage ihr, dass ich ihren Arbeitseifer sehr bewundere und dass sie ihr Leben sehr gut zu bewältigen scheint, was mich sehr beeindruckt. Als wir aufbrechen, verneigt sie sich tief, bedankt sich eindringlich bei Hun und Tabea von World Vision. Als wir einsteigen, steht sie neben ihrem Fahrrad und winkt uns freundlich nach.

Im Auto denke ich über die Frau nach. Sie schämt sich dafür, dass ihr Mann sie verlassen hat. Dabei hat er getrunken, das Geld verspielt und sie mit anderen Frauen betrogen, während sie für den Sohn gesorgt hat. Es ist hier wohl eine Schande, vom Ehemann verlassen zu werden. Welchen Spielraum haben die Männer hier? Einen Moment lang bin ich ratlos. Aber eins weiss ich: Es ist gut, dass der Kauf dieses Fahrrads ihre Existenz sicherte. Erstaunlich, wie wenig es braucht, ein Leben zu verändern. Auf dem Rückweg entdecken wir arbeitende Kinder auf dem Markt. Sie schrauben, meisseln und verkaufen Nahrungsmitteln. Ein übliches Bild hier. Deshalb fahren wir jetzt zu einer Mitarbeiterin von World Vision, die sich für Kinderrechte in Vietnam einsetzt. Dazu morgen mehr.

Der erste Tag: Hupen als freundliches Zeichen
Der zweite Tag: Die Boatpeople
Der dritte Tag: «Ich will Dolmetscherin werden»
Der vierte Tag: Der Traum von Than Duc Linh

Datum: 14.12.2009
Autor: Iris Muhl