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Europa braucht Hoffnung, Humor – und Mut gegen die Extreme
Warum leben Menschen aus verschiedenen Kulturen in Nordamerika anders zusammen als in Europa? Sir Jonathan Sacks, Oberrabbiner der grössten jüdischen Gemeinschaft Grossbritanniens, gehört zu den klarsichtigen Beobachtern der multikulturellen Szene. Bei einem Besuch des Europaparlaments in Strassburg am 19. November erläuterte er in einem Interview, was Hoffnung, Mut und Humor gegen den Fanatismus vermögen.
Sir Jonathan, das Verständnis einer Gesellschaft mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion unterscheidet sich in Europa und Amerika. Was können die beiden Kontinente von einander lernen?
Die Amerikaner haben schon immer Neuankömmlinge integrieren müssen, weswegen das Konzept eines Bundes von unterschiedlichen Gruppen Teil der politischen Kultur der USA geworden ist. Doch dieses Konzept kommt ursprünglich aus dem Europa der Nachreformationszeit und seiner politischen Kultur, welche wiederum stark von der hebräischen Bibel geprägt ist.
Ich denke, dass Europa zu diesem Konzept zurückfinden sollte, denn es vermag verschiedene Gruppen über kulturelle Unterschiede hinweg zu einen. Es besagt: „Wir, das Volk, kommen zusammen“ – es ist eine sehr inklusive Form politischer Identität.
Will man eine Gesellschaft „bauen“, muss man alle am Bau beteiligen. Trägt man zu einer Sache bei, gehört man dazu. Die USA haben sich diese Vorstellung also von Europa geliehen und sie angewandt, während sie in Europa in Vergessenheit geriet. Stattdessen war im 19. Jahrhundert die Reaktion der Romantik auf den Rationalismus, dass sich Nationalstaaten entlang ethnischer und religiöser Trennungslinien gebildet haben, wodurch die Nation auf dem Ausschluss anderer basierte. Wozu das geführt hat, wissen wir: zu zwei Weltkriegen und dem Holocaust. Diesen Weg dürfen wir nie wieder gehen.
Sie haben auch Kontakt zu radikalen Islamisten nicht gescheut. Aber ist es wirklich möglich, mit jedem zu sprechen?
Die Voraussetzung dafür, mit jemandem zu sprechen, ist, dass die andere Person mein Recht zu sprechen, Gesprächspartner zu sein anerkennt. Jemand, der mir meine Existenz, meine Identität oder mein Recht auf Rechte abspricht, kann kein Partner im Dialog sein.
Die Frage ist nicht so sehr, wie wir mit den Extremisten sprechen können. Die Frage ist, wie wir mit den Gemässigten sprechen, damit wir die Extremisten isolieren können.
Europa muss die Gemässigten stärken, um die Extremisten an den Rand drängen zu können. Das ist eine politische Herausforderung, da die Medien unglücklicherweise den Extremisten Macht verleihen: Wer einen Öltanker kidnappt oder etwas in die Luft sprengt – wer Menschen tötet – erregt Aufmerksamkeit und erreicht die Öffentlichkeit.
Die Medien machen aufgrund ihrer Funktionsweise Extremisten zu Vorbildern für desillusionierte Jugendliche. Sie werden zu Helden stilisiert, junge Menschen wollen sein wie sie. Wenn man dem nichts entgegensetzt, dann haben wir alle ein grosses Problem.
Also, sprecht nicht mit den Extremisten – sondern macht die Moderaten zu Helden.
Sollten Religionen – etwa im Nahen Osten – nicht eher ein Mittel zur Verständigung sein und nicht ein Grund, sich gegenseitig zu bekämpfen?
Mit der Religion ist es wie mit dem Wetter: Manchmal scheint die Sonne und die Leute freuen sich über das Wetter, dann wieder ist es kalt und regnerisch und man kann es nicht ausstehen. Religion beinhaltet stets sowohl positive als auch negative Elemente.
Im Zeitalter des rapiden Wandels, der Destabilisierung, der Unsicherheit und der Angst, wenden sich die Menschen denjenigen zu, die ihnen absolute Wahrheiten versprechen – und das sind immer die Extremisten. Für sie ist die Welt einfach: Wir sind im Recht, die anderen im Unrecht.
Angesichts von politischen Turbulenzen und religiösem Fanatismus sind die wahren Helden jene, die sich den Extremisten ihrer jeweiligen Religion entgegenstellen. Manche von ihnen wurden ermordet, manche exkommuniziert. Man braucht Mut um sich den Extremisten entgegenzustellen. Aber mit Sinn für Humor und gemeinsam mit anderen kann man sie schlagen.
Sowohl unter den Israelis als auch unter den Palästinensern gibt es religiöse Führer, die sich für den Frieden einsetzen und die die ehrliche Religiosität der anderen Seite anerkennen. Ob sie in der Mehrzahl sind, ist nicht wichtig, weil es „Brückenbauer“ braucht, egal, ob viele oder wenige, man muss sie in Anspruch nehmen.
Gibt es mit Blick auf die Geschichte wirklich Hoffnung, dass verschiedene Religionen friedlich nebeneinander existieren können?
Es gibt einen Unterschied zwischen Hoffnung und Optimismus. Optimismus ist der Glaube, dass sich die Dinge verbessern werden. Hoffnung ist der Glaube, dass wir die Dinge verbessern können, wenn wir hart genug dafür arbeiten.
Der Optimismus ist eine passive Eigenschaft, die Hoffnung eine aktive. Um Optimist zu sein, braucht es nur eine gewisse Naivität. Doch um Hoffnung zu haben, braucht es eine ganze Menge Mut.
Kein Jude, der mit der jüdischen Geschichte vertraut ist, kann Optimist sein. Und trotzdem kann kein Jude je die Hoffnung aufgeben. HaTikwa, der Titel der israelischen Nationalhymne, bedeutet „Hoffnung“.
Als Religionsführer müssen wir Hoffnung verbreiten in einer Welt, die nahezu am verzweifeln ist. Um Hoffnung zu bewahren, braucht es Hartnäckigkeit und Mut, doch es gibt keine Alternative. Politik, die auf Angst und Pessimismus basiert, ist stets eine gefährliche Politik.
Ist Humor Teil der Hoffnung?
Absolut. Extremisten kann man mit Mut und Humor bekämpfen. Der Humor ist ein enger Verwandter der Hoffnung.
Links zum Thema:
Ansprache von Oberrabbiner Sacks im Europaparlament
Webseite von Sir Jonathan Sacks
Quelle: Europäisches Parlament
Datum:
04.12.2008


